Begrüßung und Keynote
Kurz nach 15 Uhr begrüßte Monika Schmidt die rund 60 Gäste im “BRAWO Campus” in Braunschweig und erläuterte die Gründe die Veranstaltungsreihe zur Bekämpfung von Kinderarmut seit 2017 durchzuführen. Abschließend skizzierte sie das Portfolio an Dienstleistungen des EngagementZentrums und lud sie dazu ein, insbesondere die Angebote in den Bereichen Stiftungsgründung, -beratung und -verwaltung, Veranstaltungen sowie Crowdfunding wahrzunehmen.
Im Anschluss daran stellte Matthias Marx den Gästen, nach einem kurzen Rückblick auf die 2017 begonnene Veranstaltungsreihe und einem Hinweis auf deren Dokumentation auf der Website des EngagementZentrums, das Programm der rund zweieinhalbstündigen Veranstaltung vor und leitete mit wenigen Worten zum Vortrag von Prof. Dr. Jörg Fischer über.
Keynote mit dem Titel „Prävention als wirkungsvoller Schlüssel gegen Kinderarmut?“
In einer inspirierenden Keynote beleuchtete Prof. Dr. Jörg Fischer (Fachhochschule Erfurt) die komplexen Herausforderungen der Kinderarmut in Deutschland. Unter dem Titel „Prävention als wirkungsvoller Schlüssel gegen Kinderarmut?“ spannte er den Bogen von der Bundespolitik bis hin zum konkreten Handeln in den Kommunen.
Das Verschwinden der Armut aus der Politik
Ein zentraler Kritikpunkt Fischers ist die aktuelle sprachliche und politische Gestaltung des Themas auf Bundesebene. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung suche man das Wort „Kinderarmut“ vergeblich. Stattdessen werde oft der Begriff „Chancengerechtigkeit“ verwendet, was Fischer kritisch sieht:
„Das Thema Kinderarmut als solches spielt erstmal politisch auf Bundesebene keiner keinerlei Rolle mehr. [...] [Chancengerechtigkeit ist ein] konservatives Verständnis von Gerechtigkeit, [das] eigentlich nur Ungleichheit zementiert und nicht versucht, nicht mal den Anspruch hat, das anzugehen geschweige denn zu überwinden.“
Fischer warnt davor, dass gleiche Chancen für alle bedeuten können, dass diejenigen, die bereits bessere Startbedingungen haben, am Ende stärker profitieren, während benachteiligte Kinder abgehängt bleiben.
Das Phänomen der „verdeckten Armut“
Ein großes Hindernis für wirkungsvolle Projekte ist die Unsichtbarkeit des Problems. Fischer betont, dass über 90 % der Armut in Deutschland „verdeckte Armut“ ist. Familien tun oft alles, um sich ihre prekäre Lage nicht anmerken zu lassen, was er als „erschöpfte Einzelkämpfer“ bezeichnet.
„Nehmen wir zur Kenntnis, dass der weit überwiegende Anteil an Armut in Deutschland verdeckte Armut ist, weit über 90 %. Und dass wir das nicht wahrnehmen können über unser Alltagsverständnis.“
Er plädiert daher für eine stärkere Sensibilisierung und eine Sprache, die nicht stigmatisiert, sondern Teilhabe ermöglicht.
Die Kommune als Fundament des Wandels
Für Fischer steht fest: Wirkliche Veränderung findet vor Ort statt. Die kommunale Ebene ist der entscheidende Wirkungsraum. Dabei räumt er mit dem Vorurteil auf, dass erfolgreiche Prävention nur eine Frage des Geldes sei:
„Gelingende Armutsprävention auf kommunaler Ebene hängt nicht unbedingt von Geld ab. Ich kenne arme Kommunen, die leisten eine hervorragende Armutsprävention und ich kenne relativ reiche Kommunen in Deutschland, die leisten überhaupt keine.“
Entscheidend sei vielmehr der Mut der Verantwortlichen, das Thema aktiv anzugehen und Ressortgrenzen – etwa zwischen Jugendhilfe, Gesundheit und Bildung – zu überwinden.
Raus aus der „Erwachsenenfalle“: Betroffene beteiligen
Ein leidenschaftliches Plädoyer hielt Fischer für die echte Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Er kritisiert den weit verbreiteten „Adultismus“ – eine Haltung, bei der Erwachsene glauben, alle Probleme aus ihrer Sicht lösen zu können, ohne die Betroffenen selbst zu fragen.
„[Wir leben in einer Gesellschaft], die alle Fragestellung der Welt ausschließlich aus der Sichtweise nur von Erwachsenen beantwortet und glaubt, mit dieser allein erwachsenengerechten Perspektive auch alle Generationen im Blick zu haben.“
Er berichtete von Studien, in denen Kinder völlig andere Sorgen äußerten als von Experten vermutet – etwa die Sorge um Parkplätze für die Eltern oder die Qualität der Mittagsverpflegung.
Strategien für die Praxis: Kleine Brötchen, große Wirkung
Fischer rät Akteuren in der Region, sich nicht durch zu abstrakte oder gigantische Ziele lähmen zu lassen. Statt die Weltrettung zu planen, sollten Kommunen „kleine Brötchen backen“.
- Lokalisierung: Projekte müssen nah an den Menschen und ihren realen Alltagshürden sein (z. B. Öffnungszeiten von Kitas an Pendlerzeiten anpassen)
- Vernetzung: Komplexe Problemlagen brauchen komplexe Antworten durch die Zusammenarbeit von öffentlichem Sektor, Zivilgesellschaft und Wirtschaft
- Demokratieförderung: Armutsprävention ist im Kern eine demokratische Aufgabe. „Armutsprävention ist Demokratie sichernd und Demokratie fördernd“, so Fischer.
Fazit: Wirkung ist mehr als Statistik
Abschließend mahnte Fischer an, Wirkung nicht nur über trockene Kennzahlen zu definieren. In der politischen Arena zählen oft Geschichten und Emotionen mehr als empirische Daten.
„Wenn ein Kind glücklich ist, dann reicht das. Wenn wir in unserem Jahresbericht oder unserer Presse einmal im Jahr ein glückliches Kind zeigen [...] haben wir helfen können.“
Die Keynote machte deutlich: Wirkungsvolle Projekte gegen Kinderarmut erfordern weniger bürokratische Perfektion, sondern vielmehr Haltung, Empathie und die Bereitschaft, den Betroffenen auf Augenhöhe zu begegnen.“
Nähere Informationen zu Forschung, Lebenslauf und Publikationen von Prof. Dr. Jörg Fischer: www.fruehehilfen.de